Ständiges Pfeifen, Rauschen oder Summen im Ohr ist für viele Menschen ein täglicher Begleiter. In Deutschland sind Schätzungen zufolge Millionen von Menschen von Tinnitus betroffen. Während der Tinnitus für einige nur ein leises Hintergrundgeräusch bei absoluter Stille darstellt, empfinden andere ihn als extrem belastende Einschränkung ihrer Lebensqualität.
Die Suche nach Linderung führt Betroffene oft weg von der klassischen Schulmedizin hin zu komplementären Heilverfahren. Besonders die Akupunktur für Tinnitus steht dabei häufig im Fokus. Doch was kann die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) wirklich leisten?
Tinnitus aurium (lateinisch für „Klingeln der Ohren“) ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom. Es beschreibt die Wahrnehmung von Geräuschen, denen keine äußere Schallquelle zugrunde liegt. Laut Tinnituszentrum der Charité liegt die Prävalenz von Tinnitus in Deutschladn bei 3,9% und jährlich kommen 250.000 neue chronische Tinnitus-Patient:innen dazu.
Die Ausprägungen von Tinnitus können wie folgt unterteilt werden:
In der modernen Medizin wird oft diskutiert, ab wann ein Tinnitus eine Behinderung darstellt. Tatsächlich kann ein schwerer chronischer Tinnitus bei der Feststellung eines Grades der Behinderung (GdB) berücksichtigt werden, wenn die psychischen und sozialen Auswirkungen gravierend sind.
Die Akupunktur ist eine tragende Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), die bereits seit über 2.000 Jahren praktiziert wird. Sie basiert auf der Vorstellung, dass die Lebensenergie (das sogenannte „Qi“) auf definierten Leitbahnen, den Meridianen, durch den Körper fließt.
Wenn ein Akupunkteur eine sterile Edelstahlnadel setzt, löst dies im Körper eine Kaskade von Reaktionen aus. Man unterscheidet heute zwischen der traditionellen energetischen Sicht und der modernen wissenschaftlichen Erklärung.
Die Nadel setzt einen minimalen Reiz im Gewebe. Das Gehirn registriert diesen „Mikro-Schmerz“ und antwortet darauf:
In der TCM werden Symptome oft als Problem bzw. Blockaden von Energiewegen im Körpern bzw. Meridianen betrachtet. Die Akupunktur zielt dann darauf ab, entweder überschüssige Energie abzuleiten, Energie umzuleiten oder besser fließen zu lassen.
Ein Tinnitus wird in der TCM oft als eine Blockade oder ein Ungleichgewicht dieses Energieflusses interpretiert. Durch das gezielte Setzen von feinen Nadeln an spezifischen Akupunkturpunkten soll dieser Fluss harmonisiert werden.
Aus westlicher, schulmedizinischer Sicht wird die Wirkung eher durch die Ausschüttung von Botenstoffen (Endorphinen), die Verbesserung der Mikrozirkulation und die Beeinflussung des zentralen Nervensystems erklärt.
Die Studienlage zur Akupunktur bei Tinnitus ist komplex. Während viele Patient:innen von einer deutlichen Besserung berichten, zeigen klinische Studien oft uneinheitliche Ergebnisse. Dies liegt vor allem daran, dass Tinnitus sehr unterschiedliche Ursachen hat.
Ein Patient mit einem Tinnitus durch ein Knalltrauma reagiert anders auf Akupunktur als eine Patientin mit einem Tinnitus durch Verspannungen. In der Leitlinie für chronischen Tinnitus wird Akupunktur nicht als hilfreich eingestuft. Es wird jedoch auch hier bestätigt, dass sie gegen Verspannungen helfen kann und so indirekt den Tinnitus verbessern kann, falls er mit entsprechenden Verspannungen zusammenhängt.
In der Behandlung des Tinnitus wird die Akupunktur meist als Teil eines multimodalen Konzepts eingesetzt. Das Ziel ist nicht immer das komplette Verschwinden des Geräuschs, sondern oft die Reduktion der Lautstärke und die Senkung des damit verbundenen Stresslevels. Viele Patient:innen berichten, dass nach einer Behandlungsserie der Fokus auf das Geräusch nachlässt.

Ein bereits bestehender Tinnitus wird dann für viele belastender und besorgniserregender, wenn der Tinnitus lauter wird. Dies kann verschiedene Ursachen haben, die vor einer Akupunkturbehandlung ärztlich abgeklärt werden sollten.
Oft tritt ein Tinnitus mit Schwindel auf (z. B. beim Morbus Menière). Auch entzündliche Prozesse spielen eine Rolle: Eine Mittelohrentzündung kann Tinnitus auslösen oder verschlimmern, da der Druck im Mittelohr die Reizleitung stört. In solchen Fällen steht zunächst die medikamentöse Behandlung der Entzündung im Vordergrund.
In der Akutphase, etwa nach einem Hörsturz, ist die Gabe von Kortison bei Tinnitus der klinische Standard. Es wirkt entzündungshemmend und abschwellend auf das Innenohr. Die Akupunktur setzt meist dann an, wenn die medikamentöse Therapie abgeschlossen ist oder der Tinnitus in die chronische Phase übergeht.
Besonders gut eignet sich die Akupunkturbehandlung für einen Tinnitus, der durch Muskelverspannungen entsteht. Nicht jeder Tinnitus entsteht im Innenohr. Ein erheblicher Teil der Beschwerden ist „somatosensorisch“ bedingt. Das bedeutet, Signale aus dem Bewegungsapparat beeinflussen die Hörbahn. Ein klassisches Beispiel ist der Tinnitus durch Verspannung. Fehlhaltungen am Arbeitsplatz, Zähneknirschen (Bruxismus) oder Probleme mit der Halswirbelsäule können dazu führen, dass das Gehirn fehlerhafte Signale interpretiert. Hier bietet die Akupunktur einen mechanischen Vorteil: Sie kann die lokale Durchblutung fördern und die Muskulatur lockern.
Besonders spannend ist die Arbeit an sogenannten myofaszialen Triggerpunkten. Diese lokal begrenzten Verhärtungen in der Muskulatur (z. B. im Kaumuskel oder dem großen Kopfwender) können Schmerzen und Geräusche in entfernte Regionen ausstrahlen. Die gezielte Behandlung dieser Triggerpunkte bei Tinnitus – oft als „Dry Needling“ oder durch klassische Akupunktur – führt bei vielen Patient:innen zu einer spürbaren Entlastung.
| Ursache | Beschreibung | Behandlungsansatz (Beispiel) |
| Halswirbelsäule | Blockaden oder Verspannungen der Nackenmuskulatur | Akupunktur, Physiotherapie |
| Kiefer (CMD) | Fehlstellung oder Verspannung durch Stress/Knirschen | Schienentherapie, Akupunktur |
| Entzündungen | Z. B. durch eine Mittelohrentzündung | Antibiotika, abschwellende Mittel |
| Stress | Psychische Belastung verstärkt die Wahrnehmung | Entspannungsverfahren, Akupunktur |
Relevante Triggerpunkte befinden sich vor allem im Musculus masseter (Kaumuskel) und im Musculus sternocleidomastoideus (Kopfnicker). Diese Muskelknoten können durch fehlerhafte Signale die Hörbahn irritieren und das Geräusch verstärken. Wenn der Tinnitus lauter wird, liegt dies oft an einer akuten Reizung dieser Punkte durch Stress oder Fehlhaltung.
Eine gezielte Akupressur dieser Stellen kann Betroffenen helfen, die Intensität selbst zu regulieren. Ein zentraler Punkt zur Selbsthilfe ist der Punkt Di 4 (Hegu) im Muskel zwischen Daumen und Zeigefinger, der reflektorisch Spannungen im Kopfbereich lösen kann.

Akupunktur bietet eine wertvolle Option für Menschen, die nach einer ganzheitlichen Unterstützung suchen. Insbesondere wenn muskuläre Verspannungen oder Stressfaktoren im Spiel sind, kann die Nadeltherapie helfen, das System zu beruhigen und die Lautstärke des Ohrgeräuschs zu mindern.
Wichtige Punkte für Sie im Überblick:
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